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Fastenzeit

Fasten Sie auch? Kaum ist Aschermittwoch ausgebrochen haben sich die faschingstrunkenen Mitbürger zu Asketen entwickelt. Fasten ist plötzlich Trendsportart und so ansteckend wie Grippe. Mit ähnlichem Spaßfaktor. Die einen verzichten freudig auf Alkohol, die anderen aufs Rauchen. Da wird auf Zucker verzichtet, auf Sex, aufs Auto, auf die Chips am Abend, aufs Fernsehen. Manche fahren nicht mehr Lift sondern laufen Treppen. Beim Veggie Day vor ein paar Jahren hat die gesamte Republik aufgestöhnt, weil ein Tag in der Woche kein Fleisch mehr auf den Tisch kommen sollte. Jetzt wird stolz mit Überzeugung erklärt: „Wir versuchen mal 40 Tage ohne Fleisch zu leben, alleine schon wegen dem Klima“. Also ist in den nächsten Wochen die Venusfliegenfalle am Wohnzimmerfenster das einzige fleischfressende Geschöpf im Haus. Sieht man einmal von der Katze ab, die doch gelegentlich noch stolz ein Vögelchen mit nach Hause bringt. Und von den Kindern natürlich. Die zwischendurch mal bei McDonalds heimlich zur Nahrungsanreicherung vorbeigehen.

Ich bin umzingelt von Fasterinnen und Fastern. Alle fasten bis Ostern stur und verbissen und empfehlen mir ihr Fastenmodell. Weil es alle möglichen Leiden vom Fußpilz über Verstopfung bis zum Haarausfall lindert und zudem das Klima rettet. Da muss jeder aus Solidarität mitmachen. Ich faste nun auch und habe beschlossen, mich bis Ostern nicht mehr aufzuregen. Mit dem Brexit fange ich an. Sollen mir die Briten doch eine Postkarte schicken, wenn sie wissen, ob sie ihren EU Austritt ganz durch, medium oder blutig haben wollen. Mir ist das jetzt Wurscht. Oh, sorry, mit Rücksicht auf die vorübergehend fleischvermeidenden Fastern: mir ist das Tofu.

Wenn jemand im Fernsehen zur besten Sendezeit den größten Quatsch verspricht je näher die Wahlen kommen? Ist mir total egal. Ich blicke zurück auf 63 Jahre Erfahrung in Sachen Versprechungen. Diejenigen, die wirklich eingehalten wurden, das waren meist meine eigenen. Schon wieder irgend ein Egomane, der mir die Vorfahrt nimmt oder im Überholverbot überholt weil es mal wieder nicht schnell genug gehen kann? Dann warte ich einfach bis er fertig ist. Soll ich mich denn über irgend einen bildungsfernen Honk aufregen? Der ist das doch gar nicht wert. Der Stress, den der mit sich herumfährt, den will ich gar nicht haben. Der hat seinen Herzinfarkt schneller, als ihm lieb ist. Dann ist das Problem gelöst.
Noch jemand, der was Lustiges über Stickoxidgrenzwerte beisteuern will? Bitte. Aber ohne mich. Dieses Thema ist schon seit Jahren ausgelutscht. Soll ich mich aufregen? Die Lungenärzte haben doch versichert, dass an Stickoxid noch keiner tot umgefallen ist, also werde ich nicht der Erste sein. Die schleimige Stimme am Telefon, die mir erklären will, dass sie heute, aber wirklich nur heute, sechs Flaschen besten Rotweins zum Sonderpreis ….? Dann sag ich ihr, sie soll ihr Sonderangebot selbst saufen und mir meine Fastenzeit, meine Ruhe und meinen Frieden lassen. Ich faste nämlich auch hinsichtlich Sonderangeboten. Wenn ein Trupp einer absonderlichen Glaubensgemeinschaft klingelt und bei mir hinterhältig lächelnd nachfragt, was der Sinn des Lebens ist, weil sie ihn offenbar nicht gefunden haben? Dann bitte ich sie freundlich herein, biete Bier und Blutwurst an und erkläre meine Überzeugung, dass der Sinn des Lebens darin liegt, Freude am Leben zu haben, glücklich zu sein und die anderen Menschen nicht zu nerven. 

Und ich glaube, ich werde in diesen 40 Tagen so viel Spaß haben, dass ich mich schon auf die nächste Fastenzeit im kommenden Jahr freue. 

 

Mit nachdenklichen Grüßen


Helmut Seuffert

 

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“... “Wir versuchen mal
40 Tage ohne Fleisch zu leben, alleine schon wegen dem Klima..”